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Andacht

Gedanken zum Erntedank

Liebe Leserinnen und Leser,

wann waren Sie zum letzten Mal aus tiefstem Herzen dankbar? Ein „Danke“ oder „Dankeschön“ kommt den meisten von uns schnell über die Lippen, weil es üblich und höflich ist und wir dazu erzogen wurden, uns für etwas zu bedanken. Das Danke sagen wird zur Floskel, ohne es wirklich so zu meinen. Im schlechtesten Fall wird nicht mal mehr Danke gesagt. Oft erlebe ich es z. B. an der Supermarktkasse, dass die Leute gruß- und danklos an den Kassiererinnen und Kassierern vorbei gehen, weil sie ihre Anwesenheit für selbstverständlich oder nicht dankenswert erachten.

andacht1026Der Herbst kündigt sich an, und wie jedes Jahr wird in den Gemeinden Erntedank gefeiert – dies ist eine gute Gelegenheit, sich des Dankens erneut bewusst zu werden. Beim Erntedankfest zeigen wir Dankbarkeit für eine gute Ernte. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Ernten gut ausfallen und wir mit dem Ertrag über den Winter kommen. Einst sicherte eine gute Ernte buchstäblich das Überleben eine Gemeinschaft und auch heute ist eine gute Ernte wichtig, um die Versorgung mit Lebensmitteln auf einem erschwinglichen Niveau zu halten. Die Dürren, Kriege und Konflikte der letzten Jahre haben uns schmerzhaft gezeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist.

Gerade in schweren Zeiten ist es wichtig innezuhalten, sich nicht von seinen Sorgen und Ängsten übermannen zu lassen. Dankbarkeit ist Balsam für die Seele. Die Forschung der modernen Psychologie hat gezeigt: Wer dankbar ist, neigt weniger zu Depressionen, schläft besser, leidet weniger unter Stress und ist zufriedener mit seinem Leben. Wer dankbar ist konzentriert sich bewusst auf die positiven Dinge in seinem Leben.

Beim Erntedankfest ist also eine „Innere Ernte“ möglich. Es fragt nach persönlichen Erfolgen, schönen Momenten oder Beziehungen, die jeder für sich ganz persönlich „geerntet“ hat. Es erinnert uns auch daran, die kleinen Dinge des Alltags wertzuschätzen und sich darüber zu freuen. Das kann ein Löwenzahn in der Betonwüste sein, das Lächeln eines Fremden auf der Straße oder der gemeinsame Genuss eines Kaffees mit einer anderen Person.

Letztlich wird nicht nur der Erfolg der letzten Ernte gefeiert, sondern gedanklich schon die nächste Saat vorbereitet. In diesem Sinne kann uns ein dankbarer Rückblick auf das letzte Jahr stärken – stärken für die trüben Tage des Winters, stärken für die zu künftigen Herausforderungen des Lebens – und uns voller Freude und Zuversicht nach vorn blicken lassen.

Duy-Linh Molnar