Torgau singt seit 500 Jahren
Singen Sie auch gern? Ein Lied auf den Lippen beim Laufen oder ein Summen unter der Dusche oder im Fußballstadion oder im sonntäglichen Gottesdienst? Gehört das zu Ihrem Alltag? Ich selbst singe gerne, mit den Kindern im Kindergarten und in der Johann-Walter-Kantorei oder im Gottesdienst, aber auch auf dem Fahrrad. Die Lieder meiner Kindheit und Jugendzeit bedeuten für mich einen wahren Schatz. Zum Singen allgemein fällt mir der Kanon „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf“ ein. Er ist für mich ein Symbol für das Singen als Brücke zum Himmel, wie ein herrlich verziertes Gebet, das aus der Tiefe kommt. „Ich will dem HERRN singen, dass er so wohl an mir tut.“ heißt es dazu im Psalm 13. Der Gesang erklingt außerdem, um Gott zu danken: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen“ (Psalm 63). Dass Singen auch trösten kann, verspüre ich immer wieder, wenn auf dem Friedhof am Grab „Christ ist erstanden“ ertönt. Das Lied gibt eine freudige Perspektive und trocknet die Tränen für einen Moment, letztlich auch, weil man weinend nicht singen kann. Es lässt sich sogar physiologisch nachweisen, dass beim Singen Glückshormone ausgestoßen werden und die Atmung vertieft wird, so dass der Körper zur Ruhe kommt und gesünder bleibt. Singen mit mehreren Menschen fördert eine gute Gemeinschaft, da alle zusammen in Schwingung kommen im wahrsten Sinne des Wortes. Daher sind Menschen schon immer in Gruppen zusammengekommen, um zu singen, in Chören aller Art.
In Torgau feiert unsere Kantorei in diesem Jahr Geburtstag. Am Ortseingang von Torgau steht deshalb ein Plakat „Torgau singt seit 500 Jahren“ – Als ich das zum ersten Mal las, fragte ich mich: Singen die Menschen hier nicht viel länger? Es ist doch eine Form der Kommunikation. Das ist wahr, es gab auch schon Chöre vor dieser Zeit. Daher müsste es richtig heißen: Torgau singt seit 500 Jahren evangelische Kirchengesänge. Das war die große Neuerung in der Zeit der Gründung der Kantorei durch Jo- hann Walter: Der Gottesdienst wurde in den nun evangelischen Kirchen nicht mehr in lateinischer Sprache gefeiert, sondern in Deutsch. Es entstanden viele neue Lieder, die nicht nur den Glauben, sondern auch das Verständnis der Bibeltexte vertiefen und die Botschaft der Reformation verständlich machen sollten. Die Kantoreien wurden gegründet, um die neuen Gesänge in die Gemeinden zu tragen und sie mit diesen zur Ehre Gottes zu singen. Sie führten aber auch schon bald mehrstimmige Cho- räle oder Oratorien auf.
Johann Walter gründete die erste bürgerliche Kantorei in Torgau – es durften allerdings noch keine Frauen in der Öffentlichkeit mitsingen – so wurde die Sopranstimme von Knaben gesungen. Da der Kantor über Jahrhunderte gleichzeitig auch Lehrer am örtlichen Gymnasium war, wurde der Chor schließlich zum Knabenchor, vergleichbar mit den Leipziger Thomanern oder Dresdenern Kruzianern. Seit den 1950er Jahren versuchte das Ministerium für Volksbildung der DDR alles, um kirchliche Aktvitäten aus den Schulen zu verbannen. Als der angesehene Oberstudienrat Möhring in den Westteil des Landes übersiedelte, ergriff man staatlicherseits die Gelegenheit, um die Trennung von kirchlichem Chor und Schule zu vollziehen. Die Johann-Walter-Kantorei existiert seitdem als gemischter Chor und Kinderchor. Heute treffen sich zwischen 40 und 50 SängerInnen regelmäßig zum Singen in der Chorprobe am Montag und in den Gottes- diensten an Festtagen und Abendmahlsgottesdiensten. Die Aufführung von Oratorien oder a capella-Auftritte im Rahmen eines Konzertes sind besondere Höhepunkte. Für mich ist das besondere an der Kantorei, dass jede/r unabhängig von Konfession und Mitgliedschaft in einer Kirche mitsingen kann. Denn es geht bis heute darum, zur Ehre Gottes zu singen und dabei Gemeinschaft zu spüren.
An unserm Fest soll die ganze Gemeinde teilhaben. Daher laden wir Sie ein, mit uns in den verschiedenen Gottesdiensten und Konzerten zu feiern. Eine interne Feier fand bereits statt: am Pfingstmontag gab es eine Geburtstagsfeier des Chores mit den ehemaligen Sängerinnen und Sängern – natürlich mit vielen Erinnerungen und Gesang. Nun proben wir mit großer Anstrengung die h-moll Messe von Johann Sebastian Bach und freuen uns, wenn wir unsere Begeisterung mit Ihnen teilen können.
Renate Küchenhoff